MUSIC � Das Musikmag
25.06.2001

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Vom gro�en Sterben h�ren

Michael M�hring traf den Musiker und Komponisten zum Interview.

Im Beisein von Bundespr�sident Thomas Klestil, der Wiener Vizeb�rgermeisterin Grete Laska und weiterer Prominenz stellte der �sterreichische Komponist und Keyboarder Joe Zawinul zusammen mit dem Rezitator und Burgschauspieler Frank Hoffmann die CD "MAUTHAUSEN" - Vom gro�en Sterben h�ren" vor. Bei der Gedenkfeier am 08.08.198 zur sechzig Jahre zur�ckliegenden Gr�ndung des Konzentrationslagers Mauthausen uraufgef�hrt, spielte Zawinul das Werk anschlie�end unter den frisch gewonnenen Eindr�cken in seinem New Yorker Studio f�r eine Ver�ffentlichung neu ein. Ein ambitioniertes Werk, dessen brisante Thematik hier meisterlich in Szene gesetzt ist.



"Bleibt die Hoffnung, dass der Name Zawinul ein Garant daf�r ist, dass diese CD an die Ohren der nachfolgenden Generation dringt, denn die wird es sein, die unsere Zukunft gestaltet. Je mehr man diese CD h�rt, desto sorgloser kann man wohl sein. Nie wieder d�rfen Menschen aus rassistischen, religi�sen und ethnischen Gr�nden gequ�lt, gefoltert und umgebracht werden. Auch hoffe ich, dass diese Musik diejenigen erreicht, die dieses Land �sterreich aufgrund seiner augenblicklich politischen Lage entweder bewu�t oder unbewu�t mi�interpretieren. �sterreich sei wachsam! (Auszug aus der Rede von Frank Hoffmann)



Welche Idee steckt hinter dem Projekt MAUTHAUSEN?



"Als man vor einigen Jahren bei mir anfragte, ob ich f�r das sechzigj�hrige Memorialkonzert des ehemaligen �sterreichischen Konzentrationslagers Mauthausen eine Komposition schreiben m�chte, war mir klar, dass so ein Thema von meiner Seite aus eine sehr gr�ndliche Auseinandersetzung verbunden mit viel Zeitaufwand erfordern w�rde. Zeit, sich detailliertes Hintergrundmaterial zu besorgen, um eine seri�se Umsetzung zu gew�hrleisten. Nach Pr�fung der Umst�nde habe ich meine Einwilligung gegeben. Die Aufnahme f�r die Auff�hrung gingen dann relativ schnell. Aber bevor ich angefangen habe, mich mit der Musik direkt zu besch�ftigen, begann ich unheimlich viel zu lesen, ausgiebig in Archiven zu st�bern sowie zahlreiche Tondokumente von original Nazi-Reden und Reportagen durchzuh�ren. Der Weg nach Mauthausen war leicht f�r mich. Ich bin 1932 geboren und in einem zentralen Bezirk in Wien aufgewachsen. Ungef�hr ab 1937/38 gab es hier verst�rkt Nazibewegungen und auch die SA trat un�bersehbar in Erscheinung. Bis ins Jahr 1959, als ich �sterreich verlie�, um nach Amerika zu gehen, wohnte ich in diesem Bezirk. Ich erlebte also vieles hautnah. Im Alter von etwa sieben Jahren h�rte ich schon von Mauthausen als Konzentrationslager. Leute, die in irgendeiner Weise etwas Negatives �ber das politische System sagten, kamen sofort ins Lager. Ich selbst wurde Zeuge einer Hinrichtung am Rochusmarkt, ein paar Bl�cke von unserer Wohnung im Bezirk Erdberg entfernt. Zwar hatten wir von Mauthausen geh�rt, konnten allerdings nur in etwa erahnen, was sich dort wirklich abgespielt hat. Erst gegen Ende des Krieges kam dann die ganze Wahrheit zum Vorschein."



Die Musik klingt sehr atmosph�risch und beklemmend. War es nicht schwer, diese Thematik in Noten zu wandeln?



"Es war �berhaupt nicht schwer, weil die Geschichte so unheimlich stark ist. Ich habe mich an einem sehr kalten regnerischen Maitag einen ganzen Tag in Mauthausen aufgehalten. Wir haben uns alles vor Ort angeschaut, um einen realen Eindruck der St�tte zu bekommen. Und mit diesem Eindruck bin ich nach New York zur�ck und habe sofort mit den Aufnahmen begonnen. Die Musik zu diesem Projekt ist total improvisiert. Zus�tzlich habe ich einige �ltere St�cke wie beispielsweise "Orphan" von der Weather Report-Platte 8:30 mit eingebunden. Ein Duo mit Wayne Shorter, das ich schon vor zwanzig Jahren f�r diesen Zweck geschrieben habe. Das �ltere und neu editierte Material passte einfach genau dazu."



Welche Kriterien waren f�r Sie ma�gebend. Musik, Rezitate und Samples zu verbinden?



"Zuerst habe ich die Musik eingespielt. Mein Sohn Ivan hat dann f�r die n�tigen Special Effects gesorgt. Wer eine Surroundanlage besitzt, kann beispielsweise das Rollen der Transportz�ge ziemlich originalgetreu wahr nehmen, so als ob man selbst drinnen sitzen w�rde. Zudem wollte ich die gespenstige und imposante Atmosph�re, die w�hrend der Urauff�hrung in dem Steinbruch des Lagers herrschte, auch auf die CD bannen. Schwer vorstellbar, zumindest wenn man vor zwei Jahren pers�nlich bei der Urauff�hrung dabei war, die architektonisch und akustisch hervorragend ausgestattet war. Man muss sich vorstellen, dass das alles in der Nacht vor 9.000 Besuchern stattfand. Eine 37-Tonnen Lautsprecheranlage, der Grantgraben wo seinerzeit 120.000 Menschen umgebracht wurden, viele Schweinwerfer - ein einmaliges Szenario. nach dem letzten St�ck hat jeder im Publikum eine Kerze angez�ndet, keiner hat applaudiert und die Leute haben noch lange Zeit ausgeharrt und getrauert. Alle standen unter dem Eindruck dieses aufw�hlenden Ereignisses. Ein Unbeteiligter kann es sich kaum vorstellen. Es war wirklich ein Wahnsinns-Abend. Anfangs konnte ich es mir gar nicht vorstellen, ein derartiges Ereignis auf Tontr�ger zu verewigen."



Die emotionelle Anspannung w�hrend der Aufnahmen war bestimmt sehr intensiv?
"Ja sehr. Ich wollte so beinhart wie m�glich sein, so dass die Leute mit denselben Gedanken, die ich hatte, rausgehen. Authentizit�t erzeugen. Das ist mir, glaube ich, zum Gro�teil gelungen. Und das eine ist auch f�r mich wichtig. Das alles ist wahr! Da ist keine Spur von �bertreibung dabei."



Wie erkl�ren Sie sich, das von einem Land wie Deutschland, welches Goethe, Schiller, Bach und Beethoven hervorgebracht hat, eine derartige Barbarei ausgehen konnte?



"Wissen Sie, dar�ber habe ich oft nachgedacht. Im Grunde genommen habe ich nie eine Antwort darauf gefunden. Es reduziert sich alles, wenn die Armut einsetzt. Es war die Zeit der Inflation und Arbeitslosigkeit. Ein Kilo Brot kostete eine Million Mark. Umst�nde, die den Menschen zum Tier machen k�nnen. Da gehen Bildung und Kultur den Bach runter. Trotzdem kann ich f�r diese brutalen Ausma�e in meinem Herzen keine Erkl�rung finden. Nat�rlich gab es auch Widerstand. Es war aber nur eine Minorit�t."



Das Thema dieser CD "Vom gro�en Sterben h�ren" ist sicherlich auch als Botschaft an heutige und zuk�nftige Generationen zu verstehen.
"Ja, denn es kann wieder passieren, wie wir es unl�ngst im Kosovo, Bosnien oder auch Tschetschenien erlebt haben. Als �sterreich seinerzeit von au�en Hilfe wollte, hat sich niemand gemeldet. US-Pr�siden Roosevelt hat im M�rz 1938 in Evian ein internationales Treffen gehabt, �hnlich wie die heutige UN, wo es unter anderem um das Umsiedlungsproblem in Deutschland und �sterreich ging. Auch dort hat kein Einziger das Ohr ger�hrt. Die �sterreicher sind jetzt in einer Situation, wo sie genau die Lage analysieren und sich entscheiden m�ssen, ob sie ein Teil der Welt bleiben m�chten. Wir werden etwas unternehmen m�ssen, um zu verhindern, dass Haider noch an Einflu� gewinnt."



Welchen Stellenwert hat f�r Sie das Mauthausen-Projekt, verglichen mit Ihrem bisherigen musikalischen Schaffen?



"Sicherlich nimmt MAUTHAUSEN eine Sonderstellung in meinem gesamten k�nstlerischen Schaffen ein."