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Joe Zawinul mit neuer CD
Joe Zawinul. Ehrf�rchtig und noch eine Spur nerv�ser als normal �berpr�fe ich erneut mein Interview-Besteck (man wei� ja nie, mit der ganzen Elektrik heutzutage ...), ordne meine handbeschriebenen Fragezettel und r�uspere mich einmal and�chtig hinter vorgehaltener Hand. (...) Joe Zawinul, Elektronik-Freak der ersten Stunde und Fusion-Altmeister par excellence, ist am 7. Juli diesen Jahres nicht nur siebzig(!) Jahre alt geworden, n�, er hat auch gleich noch eine neue Platte herausgebracht. Auf der es groovt, dass sich die Tanzbeine biegen.
Nein, wie er das in seinem Alter noch macht, das habe ich ihn nicht gefragt. Dann bekommt man eh nur die schelmische Antwort, das liege alles am Slibowitz, den ihm seine Oma selig, damals noch in Wien, bereits im zarten Alter von f�nf Jahren verabreicht h�tte. Aus rein medizinischen Gr�nden, versteht sich. Und da hom�opathische Dosen ja hinsichtlich ihrer Dosierung stark von der K�rperf�lle respektive -gr��e abh�ngen, ist Joe Zawinul zeitlebens bei dieser Allround-Medizin geblieben. Erz�hlt der Joe.
(...)
Aus einem fr�heren Interview eines Kollegen habe ich noch den Satz Zawinuls im Ohr: "Zeit meines Lebens wollte ich immer wachsen, mich immer weiter entwickeln." Wie sieht's mit diesem Vorsatz aus, wenn man gerade siebzig Jahre alt geworden ist und im Prinzip als Musiker wirklich alles erreicht hat, was es zu erreichen gibt - l�sst dieses ewige Streben nach H�herem nicht irgendwann nach? " Nein, das h�rt nie auf", philosophiert Joe Zawinul und weilt mit den Augen f�r einen Moment in den Weiten des vor sp�tsommerlicher Hitze flirrenden Parks. "Hearst, das geht immer weiter, Tag f�r Tag. Ich lerne immer noch etwas dazu, �ber das Leben, the people, die L�nder dieser Welt. Darum geht es ja auch in �Faces & Places�." So ist das mit Joe Zawinul, dem Wiener in America, urpl�tzlich wechselt er ins Wiener Idiom, um kurz darauf einige englische Brocken ins Gespr�ch einzuwerfen. Fast m�chte man meinen in Analogie zu seiner Musik - denn mehr noch als auf alle anderen scheint das Attribut �Vater der Weltmusik� auf Zawinul zuzutreffen.
Und wie ist das mit der Musik? Kommt nach einer so langen Karriere nicht irgendwann auch einmal der Wunsch auf, das alles hinter sich zu lassen, in Malibu nur noch das sch�ne kalifornische Wetter zu genie�en, ohne Zwang, immer wieder neue Songs schreiben, Platten produzieren und auf Tournee gehen zu m�ssen? "Nein, auf die Idee bin ich noch nie gekommen!", l�chelt da der Meister milde. "Nat�rlich, Musik ist mein Leben - und au�erdem, so gro� ist der Zwang auch gar nicht, immer wieder neues Material zu komponieren. Daheim habe ich, wie sagt man, ein riesiges archive mit tapes. Da ist so viel improvisierte Musik von mir drauf, die ich seitdem noch gar nicht wieder geh�rt habe, dass ich allein aus diesem Material mehrere Dutzend Alben zusammenstellen k�nnte. Fr�her habe ich ja wenigstens eine Stunde am Tag am Keyboard gesessen und direkt in den Sequenzer improvisiert. Sogar auf Reisen hatte ich immer mein Notebook dabei! Das mache ich aber mittlerweile nicht mehr, die ganze Schlepperei ist mir inzwischen viel zu umst�ndlich."
Dennoch geh�rt Joe Zawinul zu den Musikern, die schon zu einem sehr fr�hen Zeitpunkt konsequent das Klavier zu Gunsten des elektronischen Instrumentariums links liegen lie�en. Und auch nach �ber drei�ig Jahren Pionierarbeit auf diesem Gebiet haben Synthesizer f�r Zawinul nichts von ihrer Faszination verloren: "Ich finde die neuen Synthesizer einfach fantastisch, gerade habe ich wieder ein neues Ger�t von Korg bekommen. Synthesizer besitzen eine ganz eigene Seele, verhelfen dir zu vollkommen anderen Ausdrucksm�glichkeiten." Zawinul versteht �Sound� also als v�llig eigenst�ndige, �sthetische Komponente, die auch f�r sich selbst existieren kann? "Ja, unbedingt. Du musst den Synthesizer aber als eigenst�ndiges Instrument begreifen und nicht als elektrisches Klavier betrachten. Gerade letzteres machen aber so viele Musiker, und das ist einfach ein Schmarren. Au�erdem sind die Sounds, mit denen die Ger�te heutzutage ausgeliefert werden, ein richtiger Schei�. Du musst selber Kl�nge programmieren, um den wahren Charakter dieser Instrumente zu entdecken." Und wie steigt er durch sein kaum �berschaubares Arsenal an neuen und alten Sch�tzchen durch, wie sucht ein Joe Zawinul nach Sounds? "Ein System gibt es da eigentlich nicht. Ich wei� einfach genau, welchen Klang ich will und mit welchem Instrument ich den am besten hinbekomme. Das ist mehr ein intuitives Herangehen."
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Zur�ck zum Album �Faces & Places�. Da geht es um Pl�tze und Gesichter rings um den Globus; in bester Zawinul-Manier erg�nzen sich Rhythmen, Sounds und Musiker aus allen Kontinenten zu einer stark Groove-orientierten Mixtur - die allerdings bei n�herem Hinh�ren selbst den studierten Jazzdozenten ob der formalen Komplexit�t verzweifeln l�sst. Alles ist hier eher in der Vertikalen als in der Horizontalen organisiert. Ein paar Mal �Chorus im Kreis spielen zum Kennenlernen� ist hier nicht: Entweder die Musiker wissen zu 150 Prozent, was Sache ist, oder die Chose verl�uft sp�testens nach 16 Takten in der polyrhythmischen Beliebigkeit. Wie studiert man so etwas mit einer Band? "Die Songs und die einzelnen Stimmen sind nat�rlich komplett ausnotiert", verr�t Zawinul, "anders geht es gar nicht, denn die Songs sind teilweise wirklich recht kompliziert. Aber ich denke, es ist eine gute Mischung geworden: Man kann �Faces & Places� ganz unbelastet anh�ren und dazu tanzen. Wer will, kann nat�rlich auch analytischer an die Sache herangehen ... F�r jeden etwas!"
"Moral gibt es nicht in diesem Gesch�ft", hat Joe Zawinul mal �ber die Plattenindustrie gesagt. Dennoch f�llt �ber seine alte Company CBS/Sony kein b�ses Wort. "Das war damals eine gute Zeit, und ohne die CBS h�tten wir mit unserer modernen Musik gar nicht so erfolgreich sein k�nnen", res�miert der sonnengebr�unte Wahlkalifornier. Allerdings war da 1993 die Sache mit seiner Donau-Sinfonie �Stories Of The Danube�, einer Auftragskomposition f�r die �Linzer Klangwolke�. Gegen Ende hatte Zawinul ein Hitler-Sample als geschichtliches Zitat eingebaut. Die amerikanischen Gesch�ftspartner bekamen's in den falschen Hals und k�ndigten ohne weiteres Federlesens die Zusammenarbeit mit Zawinul auf. "Ach ja, da hatten's so ein paar Depperte im Office bei der CBS, die haben das gar nicht verstanden. Wahrscheinlich haben die sich das St�ck noch nicht einmal ganz angeh�rt." Gl�ck f�r ESC Records, dessen Chef Joachim Becker irgendwann einmal mit Zawinul in K�ln zusammentraf: Zawinul hatte gerade Pech mit einem kaputten Keyboard und Becker konnte unb�rokratisch mit einer Korg M-1 aushelfen. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft - in deren Folge zwei Zawinul-Alben (�My People� und �World Tour�) f�r den Grammy nominiert wurden. Auch �Faces & Places� erklimmt zur Sekunde beharrlich die Jazz-Charts. (...)
Der ESC-Promoter r�ckt ins Bild und verweist mit flehendlichem Blick und gefalteten H�nden auf den reichlich aus den Fugen geratenen Zeitplan. Nun denn, eine letzte Frage zur Zukunft des Jazz im Allgemeinen und Besonderen sei noch gestattet. Schlie�lich ist es kein Geheimnis, dass Joe Zawinul von vielen aktuellen Str�mungen des Jazz nicht besonders angetan ist. "Ach, dieses ganze Easy-Listening-Zeug, auch der momentan so beliebte akustische Jazz und das Wiederaufleben lassen der alten Bebop-Geschichten von damals, das ist doch ein langweiliger Dreck. Da fehlt mir einfach die Inspiration. Es werden aber, wie damals in den Drei�iger-, Vierzigerjahren, starke gesellschaftliche Einschnitte auf die Menschen zukommen, vielleicht sogar Kriege. Dann werden sich auch viele Musiker wieder um einen neuen Ausdruck bem�hen m�ssen und zur k�nstlerischen �Notwendigkeit� zur�ckfinden."
Von Kai Schwirzke
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